Irreführende Kritik an Fridays for Future

Vertreter*innen der Fridays for Future Bewegung fordern, dass politische Maßnahmen getroffen werden, mit denen die Treibhausgasemissionen bis 2035 vollständig reduziert werden. Der Klimawissenschaftler Hans von Storch zieht in einem Gespräch mit dem SPIEGEL (43/2019) in Zweifel, dass die Forderungen aus der Zivilgesellschaft sachlich fundiert seien:

“Was die jungen Klimaaktivisten anbieten, ist ein wilder Mix aus Fakten und Spekulationen.”

Er kritisiert politische Forderungen von Fridays for Future als naiven Aktionismus und Panikmache und hält radikale Schritte für kontraproduktiv. Alternativ plädiert er in dem Interview dafür, Treibhausgasemissionen langsamer und insbesondere durch neuartige Technologien zu reduzieren.

In diesem Beitrag will ich auf einen argumentativen Irrtum in von Storchs Kritik aufmerksam machen:

  • Fridays for Future kann nicht vorgeworfen werden, Erkenntnisse der Naturwissenschaft zu ignorieren oder sachlich nicht fundiert zu sein. Die politischen Forderungen beider Lager – Fridays for Future auf der einen Seite und behutsamere Klimaschützer*innen wie Hans von Storch auf der anderen – stehen im Einklang mit dem naturwissenschaftlichen Wissen.
  • Die Auseinandersetzung zwischen Fridays for Future und Hans von Storch resultiert vielmehr aus unterschiedlichen Vorstellungen darüber, welche Risiken eine Gesellschaft angesichts möglicher Klimafolgen eingehen sollte.

Worüber keine kontroverse herrscht

Folgen des Klimawandels können nicht präzise vorhergesagt werden. Zum einen liegt dies daran, dass die Menge der zukünftigen Treibhausgasemissionen nicht präzise vorhersagbar ist. Zum anderen liegt es daran, dass nicht eindeutig bekannt ist, wie stark die zunehmende Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre die Erdoberfläche erwärmt. Diesen Zusammenhang beschreibt die klimawissenschaftliche Größe „Klimasensitivität“. Sie zeigt an, wie stark die durchschnittliche Oberflächentemperatur (im langfristigen Gleichgewicht) ansteigen würde, wenn sich Konzentration von Treibhausgasen im Vergleich zum vorindustriellen Niveau (280 ppm CO2-Äquivalente) verdoppeln würde. Die Größe der Klimasensitivität ist nicht eindeutig bekannt:

The AR6 best estimate of E[quilibrium] C[limate] S[ensitivity] is 3°C, the likely range is 2.5°C to 4°C and the very likely range is 2°C to 5°C. There is a high level of agreement among the four main lines of evidence listed above (Figure TS.16b), and altogether it is virtually certain that ECS is larger than 1.5°C, but currently it is not possible to rule out ECS values above 5°C. Therefore, the 5°C upper end of the very likely range is assessed with medium confidence and the other bounds with high confidence. (Quelle)

Es ist nahezu gewiss, dass die Klimasensitivität über 1,5°C liegt. Der Weltklimarat hält es für sehr wahrscheinlich, dass die Klimasensitivität in einer Bandbreite zwischen 2 und 5 °C liegt. Die höchste Wahrscheinlichkeit schreiben sie dem Wert 3°C zu. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass die Klimasensitivität höher als 5°C ist.

Relevanz der Höhe der Klimasensitivität für die Klimapolitik

Die Höhe der Klimasensitivität hat einen Einfluss auf das Zeitfenster, das der Menschheit verbleibt, um ihre Treibhausgasemissionen derart zu senken, dass katastrophale Klimaauswirkungen vermieden werden.

Wenn die Klimasensitivität bei 5°C liegt – dies ist die obere Grenze der Bandbreite, die der Weltklimarat als sehr wahrscheinlich ansieht –, wird bei einem Anstieg der CO2-Konzentration auf 560 ppm CO2 die globale Oberflächentemperatur langfristig um 5 °C ansteigen. Ein Anstieg der Oberflächentemperatur um 4 °C oder mehr hätte Konsequenzen für die Menschheit, die nicht anders als katastrophal zu beurteilen sind (vgl. 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates, Arbeitsgruppe 2, Abschnitt 16.6.3). Die Folgen werden auch höchst ungerecht verteilt sein: Am schlimmsten wird es Weltregionen im Globalen Süden treffen. Teile ihrer Lebensräume werden bei einem solchen Temperaturanstieg unbewohnbar, obwohl ihre Bewohner*innen am wenigsten zur Erderwärmung beitragen haben.

Im Jahr 2021 betrug die CO2-Konzentration in der Atmosphäre 415 ppm CO2, die Konzentration anthropogener Treibhausgase 508 ppm CO2-Äquivalente. In den letzten Jahren hat die Menschheit jährlich Treibhausgase in einem Umfang von rund 50 GtCO2-Äquivalente emittiert und damit ihre Konzentration in der Atmosphäre jährlich um rund 4 ppm CO2-Äquivalente erhöht. Bei gleichbleibenden Emissionen wird die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre in rund 10 Jahren doppelt so hoch sein wie vor der Industrialisierung (560 ppm CO2-Äquivalente).

Die resultierende Kontroverse

Liegt die Klimasensitivität im oberen Bereich der Spanne, die der Weltklimarat als sehr wahrscheinlich ansieht, also bei 4 oder 5°C, hat die Menschheit weniger als 10 Jahre Zeit, um ihre Emissionen derart zu senken, dass ein Temperaturanstieg von 4 °C oder höher – welcher katastrophale und ungerecht verteilte Folgen für die Menschheit mit sich bringen würde – zu vermeiden. Für ein frühzeitig industrialisiertes Land wie Deutschland erscheint dann die Forderung angemessen, seine Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2035 vollständig zu reduzieren, selbst wenn dies mit hohen Kosten verbunden wäre.

Es ist aber ebenso möglich, dass die Klimasensitivität im unteren Bereich der von Klimawissenschaftler*innen als wahrscheinlich angesehenen Bandbreite liegt, also bei 2 oder 3 °C. Dann könnte die CO2-Konzentration bis 560 ppm CO2 ansteigen, ohne das von den Vereinten Nationen vereinbarte klimapolitische Ziel zu verfehlen. Zwar müssten auch bei dieser Höhe der Klimasensitivität die derzeitigen CO2-Emissionen global und insbesondere in einem frühzeitig industrialisierten Land wie Deutschland sinken, um katastrophale Klimafolgen auszuschließen, aber das könnte behutsam geschehen.

Die Kontroverse zwischen Fridays for Future und behutsameren Klimaschützer*innen wie Hans von Storch dreht sich nicht um die klimawissenschaftlichen Erkenntnisse. Vielmehr sind sich die Vertreter*innen beider Lager darüber uneinig, welche Handlungen angesichts der Unsicherheiten über die Höhe der Klimasensitivität moralisch geboten sind.

  • Vertreter*innen von Fridays-for-Future sind davon überzeugt, dass klimapolitische Maßnahmen so ausgerichtet werden sollen, dass katastrophale Klimaauswirkungen mit hoher Sicherheit vermieden werden.
    • Da die Klimawissenschaftler*innen sehr hohe Werte für die Klimasensitivät (über 5°C) nicht ausschließen können und selbst Werte um 4°C zur Bandbreite gehören, die die Klimawissenschaft als sehr wahrscheinlich ansieht, sollten Treibhausgasemissionen derart reduziert werden, dass, falls die Klimasensitivität 4 oder 5°C beträgt, die katastrophalen Auswirkungen dennoch vermieden werden. Hierzu ist es erforderlich, zu verhindern, dass sich die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre verdoppelt (relativ zum vorindustriellen Niveau. Dann müssen die Treibhausgasemissionen möglichst schnell umfassend reduziert werden, selbst wenn dies mit hohen Kosten verbunden ist.
    • Vertreter*innen von Friday for Future argumentieren demnach, dass es moralisch geboten ist, angesichts von klimatischen Veränderungen risikoavers zu handeln.
  • Die Position der behutsamen Klimaschützer*innen lässt sich hingegen nur als risikofreudig interpretieren: Sie müssen zugestehen, dass es angemessen ist, das Risiko in Kauf zu nehmen, dass die Klimasensitivität im oberen Bereich der Bandbreite liegt, die der Weltklimarat als wahrscheinlich auszeichnet (4°C), oder dass sie höher ist. Klimapolitische Entscheidungen sollen demnach an dem Wert der Klimasensitivität ausgerichtet werden, die der Weltklimarat als beste Schätzung beurteilt: 3°C oder an niedrigeren Werten. Liegt die Klimasensitivität tatsächlich bei 3°C, ist es nicht erforderlich, Treibhausgasemissionen bereits im Jahr 2035 auf Null zu senken, um katastrophale Klimafolgen zu vermeiden.

Es ist also irreführend, zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Fridays for Future fehlenden Sachverstand vorzuwerfen. Vielmehr zeigt die Argumentanalyse, dass die radikalen und die behutsamen Klimaschützer*innen eine interessante moralische Kontroverse führen: Wann soll sich eine Gesellschaft risikoavers und wann risikofreudig verhalten?

Einen Vorschlag hierzu habe ich in diesem Blogbeitrag skizziert.

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